Die etwas anderen Halloween-Favoriten

Es muss nicht immer blanker Horror sein. Wir haben heute vier Bücher für euch, die den Halloween-Spirit auf ihre ganz eigene Art einfangen und euch auf völlig unterschiedlichen Wegen das Fürchten lehren. 

 

Svea: „Geisterfjord“ von Yrsa Sigurdardottir

Am Halloweenabend bei Kerzenschein in eine dicke Decke gekuschelt – jetzt ist der beste Moment um „Geisterfjord“ von Yrsa Sigurdardottir zur Hand zu nehmen. Zumindest, wenn man sich wirklich gruseln will. Denn – Achtung – lasst euch nicht von dem unscheinbaren Cover täuschen: Der so betitelte „Island-Thriller“ zählt nicht etwa zu den meist eher sachte dahinplätschernden Skandinavien-Krimis, auch wenn es zu Beginn zunächst den Anschein hat. Sigurdardottir treibt den Gruselfaktor der Geschichte zwar zunächst subtil voran, beweist aber schnell: Die kühle, beklemmende Kulisse hat absolut Potenzial, einem das Blut in den Adern gefrieren zu lassen.

Zwei Handlungsstränge werden dazu geschickt und letztlich doch überraschend temporeich ineinander verwoben: Drei Städter renovieren ein altes Haus in einer verlassenen kleinen Ortschaft und werden dabei das Fürchten gelehrt, während eine Kriminalkommissarin und ein Psychiater auf der anderen Seite des Fjords seltsame Vorkommnisse untersuchen, die mit einem Verbrechen in Zusammenhang stehen, das viele Jahrzehnte zurückliegt und seine Fortsetzung nun in der Gegenwart findet. Das Ergebnis: Thriller und Geistergeschichte in einem – mit düsterer Atmosphäre und einfach fesselnd. Aus meiner Sicht genau die richtige Lektüre für das Gruselfest oder in Vorbereitung dessen.

Christina: „The Yellow Wallpaper“ von Charlotte Perkins

Vorab: Halloween und Horror sind nicht meine Lieblingsthemen. Ich bin eher zartbesaitet. Ein wahrer Schocker für mich war deshalb keine klassische Grusel-Geschichte, sondern ein feministisches Werk: „The Yellow Wallpaper“ von Charlotte Perkins Gilman. In der Kurzgeschichte geht es um eine junge Mutter, die von ihrer nach der Geburt entstandenen Depression geheilt werden soll, indem sie in einen Raum mit gelber Tapete gesteckt wird. In der Isolation beginnt sie Wahnvorstellungen zu entwickeln. So meint sie, eine Frau hinter der Tapete zu sehen, die sich kriechend fortbewegt. Mich hat die Geschichte nicht nur wegen der eindringlichen Beschreibungen des Wahns erschauern lassen, sondern auch wegen der Art, wie mit Frauen zur damaligen Zeit (um 1892) umgegangen wurde.

Nico: „Das sechste Sterben“ von Elizabeth Kolbert

Es gibt nichts Gruseligeres als ... ein Sachbuch über den Einfluss des Menschen auf die Natur. Elizabeth Kolbert reist meisterhaft durch die biologischen Stadien der Welthistorie und präsentiert dabei in einer faktengefüllten Horrorgeschichte, wie die Verbreitung des Menschen eine ökologische Katastrophe in Gang gesetzt hat, wie sie bereits 5 Mal zuvor auf unserem Planeten stattgefunden hat und dabei 20-50 % aller Spezien ausgelöscht hat. In ihrem Geflecht aus Erfahrungsbericht und fundiertem Geschichtswissen reist sie in den mittelamerikanischen Urwald, zu australischen Koralleninseln und spricht mit zahlreichen Wissenschaftlern auf der ganzen Welt. Dabei wird sie Zeugin von den ersten Anzeichen eines sechsten Massensterbens, gekennzeichnet durch komplette Amphibienarten, die auf mysteriöse Weise verschwinden, Korallenriffe, die verenden, und eines Rückgangs pflanzlicher Vielfalt in gewaltigem Ausmaß. Eingewoben in diese Erkenntnisse sind Forschungsergebnisse aus der Entdeckung und Analyse von Fossilien, des schwierigen Weges zur Anerkennung von biologischen Katastrophen und Massenaussterben mit Referenzen zu Charles Darwin und George Cuvier, alles kulminierend in düstere Aussichten für das Biotop Erde. Ein Buch, das auf jeder Halloween-Party für Diskussion und Aufregung sorgen wird.

Anja: „Goth Girl and the Ghost of a Mouse“ von Chris Riddell

Es ist was faul in Ghastly-Gorm Hall. Da ist sich Ada Goth sicher, seit der Geist einer Maus sie heimgesucht und um Hilfe gebeten hat. Da sie ihren Vater Lord Goth, den berühmtesten Dichter des Landes, nur ein Mal in der Woche zum Tee trifft, muss sie sich andere Verbündetet suchen, um das Geheimnis um den zwielichtigen Indoor-Wildhüter Maltravers zu lüften. Warum schleicht der so verdächtig durch die Gänge? Was treibt er nachts im Gebrochenen Flügel des Hauses? Und was versteckt sich im Badezimmer des Zeus?
Die Zeit drängt, denn das metaphorische Radrennen samt Indoor-Schloß-Jagd steht kurz bevor und die Agentur für übersinnliche Gouvernanten hat Ada bereits eine neue Aufpasserin auf den Hals gehetzt.

„Goth Girl“ ist viel mehr als ein fantastisch illustriertes Kinderbuch. Chris Riddells Hommage an Computerpionierin Ada Lovelace ist vor allem ein buntes Potpourri an literarischen Anspielungen, das jedem Klassikerfan Tränen der Verzückung in die Augen treibt. Wenn die titelgebende Geistermaus sich mit den Worten „Call me Ishmael“ vorstellt, Gouvernante Jane Ear gefeuert wird, weil sie lieber  den Byronesken Hausherren stalkt und pyromanische Vorlieben zeigt, ein Junge auf geisterhafte Weise aus einer gelben Tapete hervortritt und eine berühmte Schriftstellerin namens Mary Shellfisch zusammen mit einem gewissen von Hellsung zu Besuch kommt, tanzt das Literaturliebhaber-Herz ob der vielen augenzwinkernden Referenzen und Wortspiele. Gepaart mit allerlei skurrilem Witz und spannender Mystery ist „Goth Girl“ ein schaurig-schönes Lesevergnügen für alle, die an Halloween lieber über Geister, Vampire und andere Gruselwesen schmunzeln, statt sie zu fürchten.

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