Lesen in Zeiten des Umbruchs

Eigentlich sollte es an dieser Stelle um DIY-Ideen für literarische Karnevalskostüme gehen. Nach dieser Woche ist uns aber weniger nach Helau und Alaaf, auch wenn passend zum Beginn der fünften Jahreszeit (und hier zitieren wir den Postillon) ein Clown ins Weiße Haus gezogen ist. Stattdessen haben wir uns eine literarische Aktion im Sinne des Dialogs, des Respekts und der Gemeinschaftlichkeit überelegt.

Buchgeschenke für eine bessere Welt

In den kommenden Tagen und Wochen wollen wir an verschiedenen öffentlichen Orten Bücher hinterlegen. Bücher, die uns den Glauben an das Gute im Menschen wieder geben, Bücher, die aufklären, wachrütteln und zum Nachdenken anregen. Die Ideengeberin hierfür war Emma Watson, die als direkte Reaktion auf Trumps Wahlsieg losgezogen ist und Bücher der afroamerikanischen Bürgerrechtlerin Maya Angelou in der New Yorker U-Bahn ausgelegt hat.

Wir wollen ihrem Beispiel folgen und unsere Aktion mit einem Buch von Maya Angelou starten. Welches das sein wird und wo wir es verstecken werden, erfahrt ihr in Kürze. Alle Buchgeschenke der nächsten Wochen werden bei Instagram, Facebook und Twitter angekündigt und bei Bookcrossing.com registriert, damit man ihre Reise nachverfolgen kann.

Hintergrund der Aktion

Der Ausgang der US-Wahlen hat die Welt in Aufruhr versetzt. Noch nie hat ein amerikanischer Präsident für so viel kollektives Entsetzen gesorgt. Ein Egomane, der unverblümt gegen Fremde hetzt, Frauen als Freiwild betrachtet, den Klimawandel als chinesischen Hoax bezeichnet, keine Steuern zahlt und auch noch stolz darauf ist.
Viele meinten im Vorfeld, man hätte die Wahl zwischen Pest und Cholera, und das zeigt wohl, wie groß die Resignation in der Bevölkerung inzwischen ist. In Zeiten, in denen Emotionen wie Angst, Frust und Wut die Gesellschaft zerfressen, die Sehnsucht nach den guten alten, überschaubaren Zeiten den Blick vieler in eine ohnehin schon ungewisse Zukunft noch zusätzlich trübt und Versuche, faktisch zu argumentieren, an einer Mauer von Misstrauen gegenüber „denen da oben“ abprallen, siegt das Bauchgefühl über den Verstand.

Die Welt ist im Umbruch.

„Die Zeit ist reif!“, rief Orban in Ungarn und das Volk pflichtete ihm bei. Die Mehrheit der Polen stimmten für den „guten Wandel“, die Brexiter wollten „die Kontrolle zurück“ und die Trump-Anhänger fordern lautstark „America First“. Sollte Österreich sich für „mehr Sicherheit“ entscheiden und die Franzosen Marie Le Pen tatsächlich „im Namen des Volkes“ agieren lassen, kommen düstere Zeiten auf uns zu, in denen Grenzen, Mauern und Abschottung die Antwort auf alle Fragen sind. Gestern noch haben wir über Trump gelacht, heute ist er der lachende Sieger, und wenn wir der immer größer werdenden Epidemie des populistischen Nationalismus nicht entgegentreten, wenn wir nicht aktiv werden und für Werte wie Toleranz, Solidarität und Weltoffenheit einstehen, wachen wir morgen womöglich mit einem Kanzler auf, der Menschen anderer Hautfarbe nicht als Nachbarn haben will oder einer Kanzlerin, die mit dem Begriff völkisch (trotz seiner eindeutig nationalsozialistischen Färbung) kein Problem hat und sich an zu vielen Homosexuellen im Fernsehen stört.

Deshalb sollten wir etwas tun.

Wir sollten uns wieder mehr engagieren, auf andere zugehen, den Dialog suchen. Bücher können dabei helfen. Sie können Eisbrecher sein, Herzenswärmer und Botschafter. Egal ob Freunde, Familie oder Fremde – indem wir Geschichten teilen und uns darüber austauschen, schaffen wir ein Klima des offenen, respektvollen und friedlichen Umgangs miteinander, ein leises Zeichen gegen Hass und Geschrei.

Fazit

Es mag nur eine kleine Geste sein, der naive Glaube der hässlichen Stimmungsmache von Rechtspopulisten etwas Kluges entgegensetzen zu können – doch wer weiß, vielleicht verändern wir tatsächlich etwas. Vielleicht werden wir gehört. Und vielleicht inspirieren wir andere dazu, es uns gleich zu tun und ihre Stimme zu erheben: gegen Ausgrenzung, Hass und Ignoranz.

Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.

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