The Giver – Hüter der Erinnerung

Der 12-jährige Jonas lebt in einer scheinbar perfekten Gesellschaft. Die Menschen kennen weder Streit noch Hunger oder sonstiges Leid. Doch nachdem Jonas zum neuen Hüter der Erinnerung erklärt und von seinem Vorgänger in die Geschichte der Menschheit eingeführt wird, merkt er, dass über die Jahre auch alles Schöne verloren gegangen ist. Lois Lowrys Jugendbuch ist bereits über 20 Jahre alt, ihr Werk behandelt ein nichtsdestoweniger erschreckend brisantes Thema und wurde bis heute weltweit über 10 Millionen Mal verkauft. Auch wir haben den Bestseller geradezu verschlungen und waren dementsprechend gespannt auf die brandneue Verfilmung.

Meryl Streep, Jeff Bridges, Katie Holmes sowie die Singer-Songwriterin Tayler Swift und, nicht zu vergessen, mehrere fähige Jungschauspieler tummeln sich in dem US-amerikanischen Sci-Fi/Fantasyfilm des Regisseurs Phillip Noyce – ein großes Staraufgebot, passend zur ebenso gewaltigen Fangemeinde von „Hüter der Erinnerung“. Viel Mühe steckt zweifelsfrei auch in der Filmkulisse: Sie erscheint modern und aufgeräumt, wenig verspielt. Die Häuser der Familieneinheiten gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Nur das Heim des Gebers hat einen ganz anderen Anstrich. Durch dunkles Holz, deckenhohe Bücherregale, staubige Teppiche und rohe Backsteinwände versprüht es den Charme längst vergangener Zeiten – ein gelungener Kontrast, der auch im Buch beschrieben wird. Einziger Kritikpunkt: Der Abgrund. Die Gemeinschaft ist im Film durch eine völlig überzeichnete, dauerhaft nebelverhangene Kluft vom Rest der Welt getrennt – albern und einfach unnötig.

Er konnte sich nicht vorstellen, was in all diesen Büchern stehen konnte. Sollte es etwa noch Regeln geben, die über denen standen, die das Leben und die Organisation der Gemeinschaft regelten?

Gut umgesetzt ist dagegen Jonas‘ Entdeckung der Farben: Der Film beginnt in schwarz-weiß und färbt nach und nach einzelne Gegenstände ein, bis langsam alles – erst nur leicht und später immer kräftiger – farbig erscheint. Insbesondere die Bilder verschiedener Kulturen, die der Geber Jonas zeigt, sind schließlich von erstaunlicher Farbintensität, was ihre Schönheit gekonnt unterstreicht.

Die Unterschiede zwischen Buch und Film beginnen mit Kleinigkeiten: So unterscheiden sich Jonas, der Geber und Gabriel nicht durch ihre Augen sondern durch einen Leberfleck von den Menschen ohne die Fähigkeit, über die Dinge hinauszusehen. Zudem geht der Film weniger konsequent  mit der Emotionslosigkeit und Bedachtsamkeit der Gesellschaft um.

Wirklich gravierend anders ist jedoch erst die um Action ergänzte Handlung des Films. Hollywood hat es scheinbar nicht ausgereicht, Jonas besten Freund Asher zum Assistenten des Direktors für Spiel und Sport zu ernennen, nein, im Film wird er Dronenpilot. So integriert der Regisseur eine neue Technologie in das Zukunftsszenario und verleiht Asher zudem eine tragende Rolle in Jonas‘ Flucht, verändert dabei allerdings sein gesamtes Wesen. Asher fällt, anders als im Buch, nur durch seine Durchschnittlichkeit auf. Schade! Wir haben den quirlig-chaotischen Jungen mit dem Sprachfehler schmerzlich vermisst.

Der arme Asher, der immer zu schnell redete und oft Wörter verwechselte, schon als Kleinkind!

Die Oberste und ihr Misstrauen gegenüber dem Geber ist ein weiterer Versuch, die Handlung künstlich mit Spannung anzureichern. Im Endeffekt führt er aber vor allem dazu, den Geber zu entmachten, was den Film von der Vorlage entfernt. Das veränderte Alter Jonas‘ und die einhergehenden Schwerpunktverschiebung hat ähnliche Auswirkungen: Während der 12-jährige Jonas im Buch beginnt, sich leicht zu seiner Freundin Fiona hingezogen zu fühlen, kochen die Emotionen des 16-jährige Film-Jonas geradezu über. Man fragt sich unweigerlich: Warum kommt kein US-amerikanischer Film ohne eine Romanze aus!?

Eine durchaus interessante Abweichung betrifft übrigens den Film-Schluss. Dieser beleuchtet, anders als das Buch, nicht nur Jonas‘, sondern auch das Schicksal der Gemeinschaft nach dessen Flucht. Spannend – natürlich auf Kosten der eigenen Phantasie!

Das Fazit
Die Romanvorlage ist vor allem atmosphärisch, der Film viel mehr auf Action getrimmt. Tolerante Fans des Jugendbuchs können der Verfilmung trotzdem einiges abgewinnen: Fähige Darsteller, eine weitgehend gelungene Kulisse und eine nur leicht veränderte, wenn auch künstlich um Spannungsmomente ergänzte Handlung.

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