Die Bücherdiebin

Der Nationalsozialismus verlangt der neunjährigen Liesel Meminger einiges ab: Sie verliert ihren Bruder sowie den Kontakt zu ihrer Mutter, kommt in eine Pflegefamilie und hütet von heute auf morgen ein Geheimnis, das über Leben und Tod entscheidet. Trost und Hoffnung schöpft sie aus einzelnen Menschen und gestohlener Literatur. Mit der Bücherdiebin schuf der deutsch-australische Schriftsteller Markus Zusak 2005 einen Weltbestseller. Nicht umsonst setzt Liesel Meminger in Gestalt von Sophie Nélisse seit 13. März ihre Raubzüge auf der Kinoleinwand fort. Wir haben das Buch gelesen, den brandneuen Film „Die Bücherdiebin“ gesehen und uns zu einem neuen Cinelit-Format inspirieren lassen: Wie ähnlich sind sich Buch und Literaturverfilmung und wie gelungen ist die audiovisuelle Umsetzung der Romanvorlage?

Schon zu Beginn des Films lässt sich das visuelle Potential der Geschichte erkennen: Die Kulisse der Himmelstraße, sowie das Haus der Hubermanns, Liesels neues Zuhause, wirken beengt und ärmlich, während die Flaggen, Uniformen und Repräsentanten der Nationalsozialisten  lächerlich pompös und reinlich anmuten – großartig.

Gut erscheint zunächst auch die Besetzung sowie deren Kostüme. Die Hauptcharaktere kommen den im Buch beschrieben Personen optisch sehr nahe. Im Laufe des Films ergeben sich in Bezug auf das Personal jedoch kleine Kritikpunkte: Liesel wirkt ein wenig zu brav und ruhig, sie und ihr Freund Rudi altern ganz offensichtlich nicht (genug) und Rosa Hubermann (Emily Watson) ist zwar optisch gut getroffen. Ihr Gemüt – einerseits forsch und leicht aggressiv, gleichzeitig besorgt und liebevoll – hätte jedoch besser umgesetzt sein können. Die sogenannte Frau mit der Eisenfaust wirkt im Film, im Vergleich zum Buch, zu passiv und verliert dadurch an Witz.

 

Saukerl! Leck mich doch am Arsch! Ich rede so laut, wie ich will!

 

Weniger geglückt ist auch die Darstellung der Verbindung zwischen Liesel und Max Vandenburg, dem Juden, den die Hubermanns im Keller verstecken. Im Film wie im Buch bringt Max Liesel dazu, ihre Geschichte aufzuschreiben. Doch ist es im Roman seine eigene Autorschaft und Freude an Literatur, welche Liesel dazu motiviert. Max‘ Geschichten und Illustrationen sind im Buch enthalten, lockern die Geschichte auf, erläutern seine Gefühlswelt und bringen ihn dem Leser näher. Im Film bleibt er vergleichsweise fremd.

Wer das Buch kennt, weiß, „Die Bücherdiebin“ lebt neben den Charakteren von Zusaks einzigartigen Schreibstil und der ungewöhnlichen Perspektive. Der Erzähler im Roman greift der Geschichte immer wieder vor oder schiebt Anekdoten ein, die, je nach Romanszene, entweder eine Person näher beschreiben, die Bedeutung einer Situation betonen oder einfach lustig sind. Die besondere Schreibweise des Buches wird im Film leider vollkommen außer Acht gelassen. Der Erzähler, der Tod, ist zwar im Film angedeutet und gibt ihm einen Rahmen, ist aber viel weniger präsent als in der Buchvorlage. Auch der Roman entzaubert den Tod durch die Personifizierung keinesfalls. Er gibt jedoch erheblich mehr von ihm und seiner ungeliebten „Arbeit“ preis und verleiht der Geschichte einen phantastischen Moment, der dem Film fehlt. Das, was den Tod im Buch am meisten auszeichnet, sein inniges Verhältnis zu Farben, bleibt beispielsweise im Film unerwähnt und wird auch filmtechnisch nicht umgesetzt. Denkbar wäre zum Beispiel der Kameraschwenk auf ungewöhnliche Lichtverhältnisse gewesen, was sich bei einem audiovisuellen Medium durchaus angeboten hätte.

Zuerst die Farben. Dann die Menschen. So sehe ich die Welt normalerweise. Ich versuche es zumindest.

Wirklich ärgerlich ist jedoch nur eines: die Umsetzung der Liebesgeschichte zwischen Liesel und ihrem Nachbarn und Schulkameraden Rudi. Rudi und Liesel verbindet eine innige Freundschaft mit kleinen romantischen Nuancen. Im Film werden letztere unnötig überspitzt. Warum eine Eifersuchtsszene einbauen, wo Liesel sich sträubt, Rudi auch nur einmal zu küssen? Warum eine nahezu haarsträubend theatralische Abschiedsszene integrieren, in der Rudi seine, ohnehin schon eindeutigen Gefühle in Worte fasst? Manchmal ist weniger mehr!

Das Fazit

„Die Bücherdiebin“ ist ein gelungener Film über eine dramatische Kindheit zu Zeiten des Nationalsozialismus
und durchaus sehenswert. Alle Aspekte, welche die Romanvorlage zu einem besonderen Leseereignis machen – darunter die ungewöhnliche, phantastische Perspektive, der durchbrochene zeitliche Ablauf sowie Max als Autor und Illustrator – werden jedoch in der Verfilmung, wenn überhaupt, nur angedeutet.

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