Herr der Fliegen

Wie angekündigt, wagen wir einen erneuten Versuch das Buchclubbuch schlechthin zu finden. Dieses Mal verschlägt uns William Golding mit “Herr der Fliegen“ auf eine verlassene Insel. Wir bleiben also im Strandfeeling des letzten Buchclubs.

 

Der Inhalt

Die Geschichte ist leicht erzählt: eine Gruppe Kinder findet sich nach einem Flugzeugabsturz auf einer Insel wieder. Ohne überlebende Erwachsene, pendelt sich etwas holprig aber schnell eine Gruppendynamik ein. Ralph wird mehrheitlich zum Anführer gewählt, auch wenn ihm “der Chor” von Jack geleitet von Anfang an ein kleiner Dorn im Auge ist.  So ordnet sich das Leben der Jungen allmählich den Umständen entsprechend. Doch schon bald bekommt die anfängliche Idylle einen düsteren Schleier. Jack und seine selbsternannten Jäger bringen Unruhe auf die Insel. Ihre zunächst spielerische Wildheit zeigt ein gefährliches Aggressionspotential auf, das in alle Richtungen ausschlägt. Die Entdeckung eines Monsters bestärkt das wachsende Chaos. Todesangst regiert die Insel und die Hoffnung auf Rettung verblasst.

 

Janas Schluss: Die etwas andere Robinsonade

Ich bin kein Fan von Robinsonaden und somit kommen mir im Normalfall auch keine Filme, Serien und Bücher unter, die sich mit dem Leben auf einer einsamen Insel beschäftigen. Goldings „Herr der Fliegen“ hat mich allerdings doch sehr gereizt, da es nicht von Erwachsenen handelt, die sich alleine durchschlagen müssen, sondern von einer Gruppe Kinder, die in solchen Situationen natürlich ganz anders reagiert als „die Großen“. Während ich das Buch zu Beginn noch eher lahm fand, ließ es mich ab der Stelle, wo der Fallschirmspringer auf die Insel kommt, nicht mehr los. Das anfangs eher unspektakuläre Inselleben (die Kinder haben scheinbar schnell gelernt, sich gut zu versorgen) wird für manche der kleinen Bewohner zum Spießrutenlauf. Die Gewaltbereitschaft der Kinder war für mich äußerst schockierend und ich habe beim Lesen Wort für Wort mitgezittert, dass niemandem von ihnen etwas passiert. Tote und Verletzte passen allerdings gut in die Erzählstruktur, und so bleibt man als Leser natürlich nicht verschont von einigen sehr unschönen Szenen. Im totalen Gegensatz dazu steht das Happy End der Werkes. Ich persönlich empfand die Rettung der Kinder als ziemlich unpassend – vor allem an der Stelle, an der Golding sie eingebaut hat – und hätte mir ein offenes Ende gewünscht. Zwar empfand ich das Buch aufgrund seiner drückenden Stimmung insgesamt als sehr negativ, und doch hat es mich gefesselt und somit natürlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Das hat bisher kaum ein Buch, das wir im Buchclub gelesen haben, geschafft.

 

Patryk über das Angenehme des Appetitverlusts

Es handelt sich hier um eines dieser Bücher, die einen trüben Nachgeschmack hinterlassen. Nicht etwa, weil der Geschichte oder den Charakteren die Würze fehlt. Ganz im Gegenteil, ist es  der bittere Ernst der Geschichte, der den Leser so erfolgreich durch das Dualismenkarussell zerrt und mit einer friedlosen Entgeisterung hinterlässt. Zumindest mir ging es so beim Lesen und ich stellte mir die Fragen: was hätte ich an Stelle der Kinder gemacht und welche Position in der Gruppe hätte ich eingenommen? Hätte jemand den Ausgang der Geschichte wenden können? Wenn ein Buch solche Fragen in mir aufwirft, ist das auf jeden Fall ein gutes Zeichen. Am meisten hat mich jedoch fasziniert, dass von Anfang an etwas Unstetes in der Luft lag. Eigentlich war ich mir beim Lesen die ganze Zeit bewusst, dass etwas passieren wird und habe nur noch gespannt auf den Moment gewartet, an dem das Fass zum Überlaufen gebracht wird. Trotz dieser Erwartungshaltung war die groteske Enthüllung und der schnelllebige Ausklang der Handlung eindrucksvoll. “Der Herr der Fliegen” ist für mich ein gutes Beispiel für die Faszination am Tyrannischen.

 

Something dark was fumbling along….The creature was a party of boys, marching approximately in step in two parallel lines.

 

Nico fehlt die Kirsche auf dem Sahnehäubchen

Ich kann nicht behaupten, dass der “Herr der Fliegen” mich umgehauen hat. Zu Beginn war mir erst eine ganze Weile unklar, wohin die Geschichte gehen soll. Später konnte ich mich dann nicht von “Lost”-Bildern lösen. Beeindruckt war ich allerdings von der sprachlichen Qualität. William Golding ist doch recht weit in die Tiefe gegangen, indem er die Charaktere durch ihr Verhalten in mehreren Situationen Stein für Stein aufgebaut hat, ohne dass man erkennen konnte, ob diese Situationen die Geschichte im Endeffekt weiterbringen. Als es dann endlich mit der eigentlichen Story losging, hat das dazu geführt, dass die Hauptpersonen mir sehr vertraut waren und ich in das wirre Psycho-Spiel eingesunken bin und auch gut mitfiebern konnte. Kleiner Mangel: Richtig los ging es erst ab der Hälfte des Buches. Hier muss man wohl abwägen, was einem persönlich besser gefällt: Tiefer in der Geschichte durch langatmigen Aufbau oder schnelle Action. Ich wünschte, ich hätte das Buch in einem Rutsch verschlungen und nicht nur kurze Abschnitte gelesen, denn “Der Herr der Fliegen” ist, auch wenn es um Kinder geht, ein anspruchsvoller Roman, der das soziale Gefüge in unserer Gesellschaft verdeutlicht. Durch den Bruch des anfänglichen Zusammenhaltes auf der Insel und die Ablenkung durch das Monster wird ein sehr menschliches Verhalten dargestellt, das man leicht auf Erwachsenen übertragen kann. Womöglich schafft es Goldings Roman eben durch die verniedlichte Variante, die Absurdität und manchmal auch Grausamkeit der Menschen verständlich zu machen.

 

Bewunderung und Enttäuschung bei Svea

Unschuldsmiene hin oder her. Auch Kinder haben eine dunkle Seite. Wer es noch nicht am eigenen Leib erfahren hat, kann es nach der Lektüre von William Goldings „Herr der Fliegen“ zumindest erahnen.  Zuallererst: Dass Golding eine solch ungewöhnliche Thematik zum Gegenstand seines Romans macht, finde ich beachtlich. Seinem Werk stehe ich trotzdem gespalten gegenüber. Das Ende des Romans werde ich wohl immer als brillant in Erinnerung behalten: Die Wilden werden mit ihrer Verwahrlosung konfrontiert und ihrer verlorenen Unschuld gewahr. Ich muss zugeben, diese letzte Szene erschien mir so gelungen, dass ich fast, gemeinsam mit Ralph, ein paar Tränen vergossen hätte. Davon abgehalten hat mich schlicht der Gedanke an die sonstige Lektüre:  Ich hatte große Probleme, mich mit der Handlungsarmut zu arrangieren und mich stattdessen auf die vielfachen Naturbeschreibungen einzulassen. Dass ich unter all den Kindern auf der Insel nicht einen Sympathieträger ausmachen konnte, war meiner Lesefreude auch nicht gerade zuträglich. Vielleicht liegen meine Kindertage schon zu weit in der Vergangenheit, aber für mich handelte nicht einmal die Zentralfigur, Ralph, in irgendeiner Weise lebensecht. Dessen Sprunghaftigkeit gegenüber Piggy, vor allem aber die imaginierten Gespräche der Kinder mit dem Schweinekopf haben einen großen Teil dazu beigetragen, schätze ich. Die Idee Goldings sowie seine Moral am Ende finde ich bemerkenswert, vieles andere aber war eher enttäuschend.

 

Maybe there is a beast….maybe it’s only us.

 

Colin zwischen den Fronten

Mir hat „Herr der Fliegen“ sehr gut gefallen, da in diesem Buch zwischenmenschliche und zwischenstaatliche Konflikte realistisch dargestellt und auf eine Gruppe Minderjähriger heruntergebrochen werden. Beeindruckt hat mich besonders, dass William Golding Kinder als Protagonisten für seine Inselerzählung gewählt hat. Man hält sie für naiv und unschuldig, doch reagieren sie genau so, wie man es sonst nur von Erwachsenen erwartet hätte. Schockierend fand ich diese Tatsache allerdings nicht. Ich denke, Golding hat sich absichtlich von volljährigen Protagonisten gelöst, um aufzuzeigen, dass ein Machtstreben auch in jüngeren Menschen bereits fest veranlagt ist. Es ist schwer zu sagen, auf wessen Seite man in dem „kindlichen Krieg“ auf der Insel gestanden hätte. Das Gefühl zieht einen auf die Seite des „guten“ Ralph, doch ist es selbst für mich als Erwachsenen nachvollziehbar, warum die Mehrheit der Kinder sich dem „bösen“ Jack angeschlossen hat, schließlich gibt er den Inselbewohnern ein starkes Zugehörigkeitsgefühl und an Nahrung mangelt seiner Gruppe auch nicht. „Herr der Fliegen“ ist ein Buch, das definitiv zum Nachdenken über sich und seine Umwelt anregt.

 

Das Fazit

Offensichtlich sind sich alle darüber einig, dass ein starker Gegensatz in der Geschwindigkeit der Handlung zwischen Anfang und Ende des Buches spürbar ist. Ordnung vs. Chaos, Zusammenhalt vs. Krieg, Unschuld vs. Tyrannei – viele Dichotomien durchströmen das Werk und verschaffen ihm Tempo. Bemängelt wurde, dass dieses Tempo jedoch zu spät in der Geschichte einsetzt. Auch konnte sich nicht jeder mit den Charakteren identifizieren. Bei allen übereinstimmend wurde jedoch dargestellt, das vor allem das Dunkle, Bizarre und Unmenschliche dem “Herr der Fliegen” eine unvergessliche Marke versetzt. Mit 4,5 Sternen wird Herr der Fliegen damit an die Spitze unserer Buchclubhistorie katapultiert und jedem als Lesetipp ans Herz gelegt.

★★★★½

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