Florian David Fitz und der Zauberberg

Als Dr. Marc Meier stellte er sich die Gretchenfrage, als Vincent wollte er Meer und als Gauß vermaß er die Welt. Aktuell wandelt er als Jesus auf Erden.
Wenn Florian David Fitz gerade keine Filme dreht, Drehbücher schreibt oder Regie führt, greift er gerne zu dicken Wälzern um sich ganz in ihnen zu verlieren. Mit uns sprach er über seinen Buchumschlag-Fetisch, unbezwingbare Türme und sterbenslangweilige Bergausflüge.

 

Wie viele Bücher besitzt du?

Ich weiß es gar nicht. Man überschätzt das dann wahrscheinlich auch immer. Auf jeden Fall ist es eine Wand voll – das werden so 400-500 Bücher sein. Mein Regal ist inzwischen so vollgestopft, dass ich auslagern muss. Was ich nicht mehr brauche, nicht mehr lese oder überhaupt nicht mochte, kommt dann in den Keller.

 

Welches Buch hat dein Leben verändert?

Das ist ja immer ein sehr, sehr großes Wort: lebensverändernd.
Aber da gab es schon Bücher bei denen ich was über die Menschheit ganz allgemein begriffen habe. Bücher über den Holocaust haben mich lange Zeit beschäftigt, einfach um der Frage auf den Grund zu gehen: Wie kommen Menschen dazu sich die Hölle auf Erden zu bereiten?!
Bei diesem Thema sind es speziell fünf Bücher, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben: zum einen „Mein Leben“ von Reich-Ranicki, was mich – obwohl ja sehr unsentimental – wirklich tief berührt hat in seiner Einfachheit, dann die Tagebücher von Viktor Klemperer, die ich auch sehr spannend fand gerade in Bezug auf die Frage „Wann wusste wer was?“. Außerdem die Transkription der Texte aus dem Claude Lanzmann Film „Schoa“. Das liest sich fast wie ein Gedichtband und hat mich zu Tränen gerührt.
Und die Goebbels Tagebücher. Ich habe nicht alle gelesen, nur die ganz frühen, aus den Zwanzigern, als das alles angefangen hat und dann die späte Phase als es dem Ende zuging. Der Einblick den man bekommt ist einfach wahnsinnig spannend: Goebbels Selbstwahrnehmung, dieses totale Sendungsbewusstsein und dann aber auch die Hörigkeit Hitler gegenüber. Während Goebbels am Anfang noch despektierlich von ihm spricht, heißt es am Ende nur „Der Führer, der Führer“. Generell ist es spannend zu sehen, was der Zusammenfall am Ende dann mit Goebbels macht.
Und schließlich noch „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell. Dieses Buch hat mir gezeigt, dass im Herzen einer so großen Sache, wie dem Holocaust, den man ja eigentlich gar nicht fassen, nicht verstehen kann, auch immer kleine, soziale Prozesse stecken – wie Jemanden aus der Kindergartengruppe auszustoßen – mit denen es anfängt.

 

Was ist dein absolutes Lieblingsbuch?

Das Jugendbuch, das mich emotional extrem mitgerissen hat, ist „Die Unendliche Geschichte“ und da speziell der zweite Teil.
Später dann „Die Korrekturen“ von Jonathan Franzen. Das ist so einer dieser guten Wälzer, aus dem man gar nicht mehr raus möchte.

 

Wer ist dein Lieblingsschriftsteller und warum?

Anton Tschechow, als der Vater dieser Art von Weltsicht, die auch Franzen hat: Sich der Kümmerlichkeit der menschlichen Existenz bewusst sein und das Ganze mit einem wehmütig lächelnden Auge betrachten. Diese Mischung aus Humor und Warmherzigkeit finde ich gut.
Deshalb mag ich von Thomas Mann z.B. auch nur die „Buddenbrooks“, weil ich da ein Gefühl der Wärme gespürt habe, während es in den anderen Büchern immer so eine Distanz zu den Protagonisten gab. Ich find es blöd, wenn ein Autor seine eigenen Figuren disst.

Ansonsten die Autoren meiner Lieblingsbücher: Michael Ende in seiner Fantasie und Jonathan Franzen, der die Angewohnheit hat, unbelebten Dingen immer einen Charakter zu geben: Die vergessene Tüte, die erschrocken auf der Kellertreppe steht … die östliche Wand die die südliche anschaut … die Toilette verharrte regungslos“. So etwas find ich super, weil ich sofort ein Bild vor Augen hab, das mich zum Lachen bringt.

Und dann noch Daniel Kehlmann. Ich hab „Die Vermessung der Welt gelesen“ und mir danach auch sofort die anderen Kehlmann Bücher besorgt. Die Idee mit der indirekten Rede ist ein so einfacher Kunstgriff, aber so genial, ich frag mich, warum da vorher niemand drauf gekommen ist. Sätze wie „Er sagt, er könne ihm auch die Fresse polieren.“ sind einfach unheimlich lustig. Der gleiche Humor-Funke ist auch beim ersten Kapitel von „Ich und Kaminski“ übergesprungen. Supergeiles Buch.

 

Was liest du gerade?

Ich hab im Moment nichts zu lesen.
Ich hab Tellkamps „Turm“ angefangen und fand die ersten Seiten fantastisch – wie ein Gedicht – aber jetzt ist es mir zu ausufernd. Ich mag es nicht, wenn Autoren nicht zum Punkt kommen und sich die Geschichte so verläuft.
Mittlerweile sag ich mir, wenn mich ein Buch nach 150 Seiten nicht packt, dann hat es keinen Sinn. Ich bin ja nicht mehr in der Schule. Ich muss mich nicht durch ein Buch hindurch zwingen.

Vor kurzem habe ich mir die „Atemschaukel“ von Herta Müller gekauft, weiß aber nicht so recht, ob mir das nicht vielleicht zu schwierig ist, also ob mich das jetzt wirklich so mitnimmt.

 

Wonach wählst du ein Buch aus (Cover, Empfehlung etc.)?

Ich finde ja, nichts ist schwieriger weiter zu empfehlen als Bücher. Das ist so individuell. Man kann so schlecht einschätzen, ob den anderen ein Buch packt oder nicht. Man kann beurteilen, ob ein Buch qualitativ toll ist, aber ob es einen „rein zieht“ das ist eine andere Sache.
Ich wähle schon oft nach dem Cover aus. Dann der Autorenname und auch das Genre. Ich bin jetzt keiner der in die Krimi- oder Fantasyecke geht. Das hab ich früher als Jugendlicher gemacht.
Die Haptik von einem Buch ist mir auch total wichtig, die Art wie sich ein Buch anfühlt. Ich hab mir neulich „Ulysses“ gekauft, einfach weil es so eine tolle Ausgabe ist und sich die Seiten so schön anfassen.

 

Welches Buch hast du mehr als 1 Mal gelesen?

„Die Unendliche Geschichte“ habe ich drei Mal gelesen und wenn ich jetzt aktuell nichts anderes finde, überlege ich schon, ob ich „Die Korrekturen“ noch einmal lesen, obwohl mir neuer Lesestoff tatsächlich lieber wäre.

 

An welchem Buch bist du kläglich gescheitert und warum?

„Der Zauberberg“. Den hab ich drei Mal angefangen, hab es auch schon bis Seite 300 geschafft, in der Hoffnung, dass es, ähnlich wie bei den Buddenbrooks irgendwann besser wird, aber es langweilt mich einfach zu Tode! Diese Stimmung auf diesem Sch*** Berg. Wenn es Manns Intention war, dem Leser die Langeweile der Leute auf dem Berg spürbar zu machen, ist das was mich betrifft voll gelungen.

Und „Ulysses“. Weil ich es einfach nicht kapiere, aber ich glaube da bin ich nicht allein. Ich verliere andauernd den Faden. Joyce mischt ständig unwesentliche Dinge bei und der Stream-of-Consciousness ist verwirrend. Man weiß oft nicht, passiert das jetzt gerade wirklich oder denkt der sich das nur?
Es ist ein wunderschönes Buch, ich fasse es wahnsinnig gerne an, ich würde es auch gerne lesen, aber vielleicht bin ich einfach zu blöd dazu … was dann auch ok ist.

 

Wenn du die Augen schließt – Welche Buch-Szene kommt dir in den Sinn?

Das Änderhaus aus der „Unendlichen Geschichte“

 

 

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