Schöne neue Welt

In dem neuen Buchclub von Buchbesprechung stellen euch die Redakteure ihre persönlichen Bewertungen zu einem Klassiker der Literatur vor. Aldous Huxleys Schöne neue Welt ist die erste Herausforderung, der wir uns gestellt haben.

 

Zum Inhalt

Die 1932 von Huxley als verstörende Dystopie gezeichnete Brave New World (englischer Titel) warnt uns vor dem Traum der Technokratie und wirft wichtige Fragen nach dem guten Leben auf. Denn wer entscheidet eigentlich was gut ist? In Huxleys Roman entscheiden das Kontrolleure, eine gesellschaftliche Elite, die die Bevölkerung durch pränatale Genmanipulation und soziale Konditionierung in Kasten einteilt. “Christianity without tears – that’s what soma is“. Soma – eine Droge, die jeden Menschen in Ekstase führt und scheinbar alle persönlichen Probleme verschwinden lässt. Dem Einzelnen bleibt kein Platz für (das christliche) Mitleid, genauso wenig für das Hinterfragen der Gesellschaft. Das Individuum wird zum unmündigen Herdentier verklärt und dient nur einem Zweck: dem Wohl der Masse. Das Telos ist schließlich Stabilität in der Schönen neuen Welt.

 

Jennas Rezension

Brave New World war bei mir Pflichtlektüre in der Oberstufe. Meine Erwartungen an das Buch waren nicht sehr hoch – es war eben einfach Pflichtlektüre und kein Werk, auf das ich privat sonderlich scharf war. Tatsächlich kann ich mich mit einem großen Teil der klassischen Schullektüre bis heute nicht anfreunden.
Bei Brave New World war das jedoch irgendwie anders. Nach anfänglichen Schwierigkeiten, was sowohl an der Sprache, als auch dem für mich äußerst komplexem Inhalt gelegen hat, konnte ich mich sehr gut in die Thematik des Buches einfinden. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir dabei die Eingangsszene, in der eine Studentengruppe durch den Betrieb geführt wird und zum ersten Mal die Grausamkeiten, die mit den Menschen der verschiedenen Kasten veranstaltet werden, zu sehen bekommt. Für sie sind jedoch nicht jene Erziehungsmaßnahmen erschreckend, sondern das Leben der „Wilden“. Das sind Menschen, die in Reservaten leben, weil sie nicht in die moderne Gesellschaft integriert werden konnten. Mich hat besonders das Kastensystem an sich und die Geschichte darum interessiert, denn so grausam es ist, so faszinierend ist es doch auch – und obwohl Brave New World keine seichte Lektüre für zwischendurch ist, hatte ich doch Spaß am Lesen.

 

Sveas Analyse

Viele Bücher steigern sich zum Ende hin, bei Aldous Huxleys Schöne neue Welt ist es meiner Meinung nach anders herum. Die Vorstellung des Geburtszentrums gleich zu Beginn ist in seiner Bildhaftigkeit unübertroffen. Zudem kann insbesondere der Schlussteil des dritten Kapitels mit einer außergewöhnlich interessanten Erzähltechnik aufwarten: Zunächst werden unterschiedliche Handlungsstränge abwechselnd beleuchtet. Je mehr sich das Kapitel seinem Ende nähert, desto flüchtiger wird die Betrachtung der einzelnen Geschehnisse. Die Absätze, welche sich einer Thematik widmen, werden immer kürzer, bis schließlich jeder Absatz aus lediglich einem Satz besteht und der darauf folgende sich einer gänzlich anderen Angelegenheit zuwendet. Erstaunlicherweise fällt es nicht sonderlich schwer, die Gedankensprünge nachzuvollziehen. Vielmehr entsteht vor dem inneren Auge ein Szenenwechsel wie im neuzeitlichen Kino – für mich eine ganz neue, wenn auch etwas hektisch anmutende Leseerfahrung!
Nachdem ich Schöne neue Welt etwa bis zur Mitte nahezu verschlungen habe, fiel mir die zweite Hälfte der Lektüre etwas schwerer. Obwohl ich das Buch insgesamt gelungen finde und meine Erwartungen allein schon durch die ersten Kapitel übertroffen wurden, gab es mehrere Aspekte, die meinen Lesefluss ausgebremst haben. Damit nicht genug, dass, wie ich finde, sowohl Ambiente als auch Protagonist im Laufe des Buches radikal ausgewechselt werden. Sigmund Marx (engl.: Bernard Marx), zunächst Hauptfigur und Sympathieträger macht eine, für mich schwer nachvollziehbare Veränderung durch und auch die Endsequenz ist für meinen Geschmack eher unpassend, vor allem aber viel zu abrupt.

 

… that is the secret of happiness and virtue— liking what you’ve got to do. All conditioning aims at that: making people like their unescapable social destiny.

 

Nico zieht einen Vergleich

Viel hat man von diesem dystopischen Roman gehört, in der Schule haben wir uns allerdings mehr mit George Orwells 1984 beschäftigt. Ich muss gestehen, dass mir das im Nachhinein auch mehr zusagt als Huxleys Brave New World.
Keine Frage, Huxley hat hier ein Meisterwerk geschaffen, allerdings für mich in erster Linie wegen des Inhalts. Sich 1932 zu überlegen, wie es wäre, wenn eine Krise das Ende der Gesellschaft, wie wir sie heute kennen, herbeiführt, ist bemerkenswerte Voraussicht. Dabei noch eine zugespitzte Konsumgesellschaft unter erniedrigender Herrschaft der Klassensysteme und Unternehmensstrukturen als Ergebnis auszumalen sogar noch cleverer. Was wäre wohl passiert, hätte er von der Finanzkrise gewusst? Das Schlimme ist, dass gewisse Aspekte sogar wünschenswert erscheinen.
Das alte (unser) System hat er im Kleinen weiterleben lassen, und zwar in einer Art Gefängnis, in dem unsere Gesellschaft in urvölkerhaften Bedingungen weiter Ehen eingeht und Kinder kriegt. Die Bildlichkeit dieser Abschottung ähnelt erschreckend der Unterdrückung der Sehnsüchte und Menschlichkeit in seiner Gesellschaft. Besonders gefällt mir auch der Vergleich unserer westlichen Welt mit „Indianern“, von denen wir hier – aufs Grundlegendste reduziert – anscheinend nicht zu unterscheiden sind.
Trotz seiner großartigen Wortwahl („smiling with menacing geniality“) und präzisen Wortneuschöpfungen („Matriculators“) hat mich 1984 mehr mitgerissen und tiefgründiger verstört. Huxleys Welt schien an gewissen Punkten für mich an Grundsteinen zu fehlen und an anderen Stellen hat er leider zu sehr beschrieben als die Situation entsprechend zu zeigen.

 

Patryks Suche nach Protagonisten

Die größte Schwierigkeit in der Handlung war für mich, dass ich bis zum Ende keinen richtigen Protagonisten finden konnte. Bernard Marx scheint sich anfänglich zu einem Helden zu entwickeln, der sich gegen den Kontrollstaat auflehnt und die gewohnten, vom Soma gestärkten Strukturen der Gesellschaft kritisiert. In der Mitte des Romans stellt sich dieser jedoch als arroganter und selbstverliebter Heuchler heraus; ein Antiheld, der nach Aufmerksamkeit und Anerkennung eben dieser von ihm angeklagten Opfer des Mainstreams lechzt. Zum Ende hin spielt Bernard eine immer unbedeutendere Rolle und wird durch den Wilden Michel (engl.: The Savage John) ersetzt. In der Fülle der gesichtslosen Charaktere bleibt John für mich als einzige Figur übrig, die von einem Pathos gefüllt ist und der sterilen Welt Huxleys Leben und Geist einhaucht.
Im Gros des Romans fehlte mir sonst etwas an dem ich mich festhalten konnte, etwas, das mir Motivation gegeben hätte weiter zu lesen, um an seinem Schicksal teilzuhaben. Auch wenn es von Huxley intendiert ist den Leser von dieser entmenschlichten Gesellschaft zu distanzieren, hat das dazu geführt, dass ich mich ein wenig zu sehr vom Geschehen entfernt habe.

 

Unser Fazit


Ohne Zweifel gehört Huxley neben Größen wie H. G. Wells und George Orwell in die Reihe von bedeutenden Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, die mit ihren gesellschaftskritischen und fortschrittsspekulativen Romanen Visionäre ihrer Zeit waren. Sprachlich überzeugt Huxley und schafft es seine Schöne neue Welt lebendig werden zu lassen und auf groteske Art und Weise den Leser mit vielen metaphysischen Fragestellungen zu konfrontieren. Die spannende Einführung in das Buch wird von einer betrübenden Flaute im Mittelteil abgelöst, die eine verheißte Klimax auslässt. Eine fehlende Hauptfigur, die man durchweg begleiten kann, sowie einige unlogische Handlungswendungen, führten deshalb zu einer Anonymisierung des Lesers, die dem Lesefluss nicht zum Vorteil diente. Am Ende wirken die Welt und die Charaktere zu rationalisiert und berechnet, sodass eine Schar von Robotern auf den Leser prasselt, die nur schwer greifbar wird.

★★★☆☆

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