Wer darf Benedict Wells kritisieren?

@Johanna Feil

Benedict Wells hat trotz seines jungen Alters – er ist erst 28 – bereits einige erfolgreiche Bücher veröffentlich, die auch von Literaturkritikern hoch gelobt wurden, zum Beispiel „Becks letzter Sommer“, „Spinner“ oder „Fast Genial“. Er ist Schriftsteller aus Leidenschaft: nach dem Abitur entschied er sich gegen ein Studium, um sich ganz dem Schreiben zu widmen, und hielt sich, bis der erste Erfolg kam, mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Die Entscheidung sollte sich allerdings als richtig herausstellen: Er veröffentliche seinen Debütroman „Becks letzter Sommer“ bei Diogenes und war damals der jüngste Autor, der dort unter Vertrag war. Inzwischen lebt Benedict Wells in Barcelona und arbeitet dort fleißig an einem neuen Roman, wie er uns verriet. Für uns unterbrach er seine Arbeitsphase aber kurz, um unserer Keksdose Rede und Antwort zu stehen.

Beatles oder Stones?

Schwer. Beides oft gehört, beides geliebt. Meisterwerke wie „A Day In The Life“ wären den Stones wohl nicht in tausend Jahren eingefallen, aber auch sie haben großartige Songs. Die Straßen entlang zu gehen und dabei „Street Fighting Man“ zu hören, das hat schon was. Trotzdem schätze ich die Beatles einen Tick höher ein, allein dieser Mut, sich ständig weiterzuentwickeln und mit neuen Ideen zu experimentieren. Da kommt niemand mehr ran. Außer natürlich Bob Dylan.

Was ist schwerer zu finden, der Anfang einer Geschichte oder das Ende?

Für mich ist das Ende einer Geschichte immer das Wichtigste, ich richte alles darauf aus. Ohne Ende könnte ich gar nicht anfangen zu schreiben. Ein pointierter Anfang ist auch wichtig, aber da kann man sich vieles ausdenken, das ist etwas, was mir großen Spaß bereitet. Ich finde eher den Mittelteil, quasi den „Alltag“ einer Geschichte am Schwierigsten.

Wann ist für dich die kreativste Zeit des Tages?

Das Ende des Tages; die Nacht. Wenn alle schlafen, wenn es keine Ausreden gibt und man allein mit dem weißen Blatt ist, dann bin ich am Kreativsten. Und vielleicht am frühen Morgen, aber den habe ich leider lange nicht mehr gesehen…

Was machst du bei Schreibblockaden?

Wenn der Unwille wirklich allzu groß ist, mache ich eine Pause, trinke Kaffee, esse ein Sandwich und schaue mir Sitcoms an, zurzeit etwa „Extras“, „Arrested Development“ oder „Community“. Danach muss aber weitergeschrieben werden, da bin ich einigermaßen streng mit mir.

Angenommen, du hättest eine Zeitmaschine: würdest du lieber in die Vergangenheit oder in die Zukunft reisen und warum?

Ich würde in die Vergangenheit reisen. Meine Lieblingsära wären die Sechziger, Siebziger in Amerika, und dort auf dem Land aufwachsen. Ein Film wie „American Graffiti“ trifft meine Sehnsucht auf den Punkt. Oder im damaligen New York bei einer Zeitung arbeiten, immer auf der Spur einer guten Story. Ich mag den Gedanken an eine Zeit, als es noch unzählige Plattenläden und kleine Buchläden gab, als man bei Fotos tagelang warten musste, bis sie entwickelt waren, und als man vom Internet oder von e-books noch nie was gehört hatte.

Lieblingsverschwörungstheorie?

Tatsächlich keine. Ich diskutiere liebend gern mit Freunden, die behaupten, dass es die Mondlandung nie gegeben habe oder dass der elfte September ein Inside Job war. Es ist vielleicht naiv, aber ich glaube an die Macht von gewissen Zeitungen und Magazinen wie dem „Spiegel“ oder damals die Washington Post bei der Watergate-Affäre, solche Sachen aufzudecken.

Was ist das erste Buch, das du jemals gelesen hast? Hat es dich vielleicht in irgendeiner Weise beeinflusst?

Das erste Buch, das ich jemals selbst gelesen habe, war entweder „Pu der Bär“ von A.A. Milne oder „Pünktchen und Anton“ von Erich Kästner. Ob sie mich groß beeinflusst haben, weiß ich nicht, ich mochte sie aber sehr. Das prägendste Buch meines Lebens war eher „Das Hotel New Hampshire“ von John Irving, denn danach wollte ich selbst schreiben.

Wer darf dich kritisieren?

Familie, Freunde, mein Agent, mein alter Deutschlehrer und natürlich meine Lektorin. Vor allem aber alle guten Bücher, die ich lese. Ein „Alles, was wir geben mussten“ von Ishiguro oder ein „Das Attentat“ von Mulisch zeigen mir auf, was mir alles noch fehlt. Jedes Mal wenn ich solch wunderbare Romane lese, möchte ich noch härter an mir arbeiten, um auch einmal so schön schreiben zu können.

Wenn du mit jemandem tauschen könntest, wer wäre es?

Ehrlich gesagt würde ich mit niemandem tauschen wollen. Ich bin ganz gern ich und empfinde einfach eine große Dankbarkeit dafür, dass so vieles in den letzten Jahren, gerade als Schriftsteller, so unerwartet gut gelaufen ist.

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