Eindrücke von Sommers School

„Ich stehe in meiner Küche und wische mir Kardamom, Koriander und Cayenne von den Fingern.“, schreibt Nancy Sommers zu Beginn ihres Essays, fast so, als säße sie gleichzeitig noch an ihrem Laptop, oder habe zumindest Stift und Papier zur Hand. In ihrem monologartigen Text „I Stand Here Writing“ setzt sie sich auseinander mit den großen Fragen des ‚Wie?‘ und ‚Wo?‘ und ‚Warum überhaupt?‘ des Schreibens.

Sie schildert, wie sie an manchen Tagen beim Kochen die absurdesten Gedanken bekommt und diese sie letztlich immer zu der Tätigkeit führen, die sie sowieso viel mehr liebt als das Kochen. Der Versuch, Gerichte zu zaubern, bringe sie doch höchstens auf schreibbare Gedanken und Ideen, erklärt sie weiter.
Dass sie bei all ihrer Liebe zum Schreiben doch nicht genau zu sagen vermag, wo diese herrührt, bringt sie benommen zum Ausdruck. „Zu schreiben bedeutet einen radikalen Verlust von Gewissheit.“, schreibt sie entschuldigend, um dann fragend fortzufahren: „…oder (einen radikalen Verlust) von Ungewissheit?“
Während ihr Essay entsteht, springt Sommers in einem Moment zur Wahrheitsfrage, und liefert im nächsten Moment einige autobiografisch-angehauchte Paragraphen über Familienironie und die Fragen der Kindheit. Sie befindet sich auf einer Schreibreise, die sie immer wieder zur Ausgangsfrage zurückbringt: Wie verarbeitet man die eigenen Lebenserfahrungen zu neuen Ideen, wie wird aus den vielen Wörtern und Sätzen, die das Wörterbuch des Lebens sammelt, ein neuer, interessanter Text?

Die Suche nach der Antwort führt sie unter anderem zu Ralph Waldo Emerson, dessen Worte sie begeistert zititert: „Um gut lesen zu können, muss man Erfinder sein.“ Phantasie und Imagination, so scheint es, sind für die Autorin ebenso entscheidende Elemente des Schreibens wie die Fähigkeit, aus dem Erlebten Neues zu generieren. Als Dozentin bemerkt sie, dass Studenten heutzutage darin trainiert werden, Fakten zu sammeln. Nicht aber darin, die Fakten des eigenen Lebens zu gebrauchen oder zu transformieren, wenn man so will. Persönlich zu schreiben muss nicht bedeuten, autobiografisch zu werden. Genauso wenig, wie wissenschaftlich-akademische Texte zwingendermaßen trocken und distanziert klingen müssen. Wie im in den letzten Jahrzehnten aufgekommenen „New Journalism“ schlägt sie ihren Studenten vor, ihr eigenes Selbst beim Schreiben von Texten nicht außen vor, oder gar zurück zu lassen. Letztendlich sei doch gerade die eigene Erfahrung jene Sache, die Studenten zu einzigartigen Autoren werden lässt.

Ein Aufsatz, so Sommers, liefert keine finale Antwort auf eine Frage, die den Autoren beschäftigt. Vielmehr hält es den Diskurs zu einem bestimmten Thema am Leben, indem es eigene Erfahrungen einbringt, die wiederrum neue Fragen aufwerfen. Den eigenen Erfahrungsschatz zu nutzen, erworbene Informationen mit persönlichen Erlebnissen zu verbinden – dies sei das Schlüsselprinzip des Schreibens, erklärt Sommers. Und entscheidend hierfür sei eine offene Haltung gegenüber dem Unerwarteten und Ungewissen . „Beim Lesen und beim Lehren, genauso wie in der Liebe, wissen wir nicht, wie der Satz beginnt, und nur sehr selten, wie er enden wird.“
Wer Unsicherheiten, Widerspruch und Zweifeln mutig entgegen tritt, dem öffnen sich unzählige Türen. Und ist man bereit, durch diese hindurch zu gehen, so sammle man nicht nur wertvolle Lebenserfahrungen, sondern werde beim Schreiben selbst zu einer Quelle der Inspiration für seine Leser.

Die Autorin leitete 20 Jahre lang das Expository Writing Program in Harvard, während sie zahlreiche Textbücher, Aufsätze und Artikel über das Schreiben verfasste. Sie ist Co-Autorin des Textbuches „A Writer’s Reference“, welches von mehr als 200.000 College- Erstsemestlern in den USA verwendet wird. Nachdem sie hunderte Programme in Asien und Europa etabliert hat, in denen Möglichkeiten des Schreibens gelehrt werden, unterrichtet sie nun an der Harvard Graduate School of Education.

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